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2018, IBA Wettbewerbsbeitrag XS neue Ferienhäuser modellhaft bauen - an der Bleilochtalsperre in Thüringen Anerkennung, Team: Tom Kühne, Joachim Schultz-Granberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was ist überhaupt eine Ferienhaussiedlung? Ihre Logik basiert auf der exponiert zur Landschaft und zugleich isoliert zur Siedlung ausgerichteten Parzelle, auf welcher der Gast im besten Fall mit sich allein und in Ruhe gelassen ist. Da die Anwesenheit einer Nachbarschaft so weit wie möglich ausgeblendet werden soll, fehlen die Attribute, die einen lebendigen, selbstreferenziellen und mit einer Identität ausgestatteten Ort ausmachen. Deshalb wirken Ferienhaussiedlungen oftmals wie eine beziehungslose Ansammlung monotoner, nichtssagender, sich abwendender Gebäudeanlagen. Sie bilden dabei so etwas wie parasitäre Nicht-Orte im Landschaftsraum.

Was wir neben der Erholung an einem Rückzugsort suchen, wenn wir in den Urlaub reisen, ist noch etwas anderes: das Authentische. Deshalb wandeln wir so gerne durch Altstädte, deren Häuserfigurationen aus den verschiedenen Zeitepochen uns ein Gefühl der Heimeligkeit und des Aufgehobenseins vermitteln. Ob es Fès ist in Marokko, Quedlinburg im Harz, Barcelona in Katalonien, Siena in der Toskana oder Mühlhausen in Thüringen, die Altstädte mit ihren Gassen und Plätzen begeistern uns durch das verdichtete, plastische Aufeinandertreffen vielfältig gestalteter Gebäude. Hier verweilen wir am liebsten zwischen den Geschäften und Menschen und trinken Kaffee.

Die Frage, die dem Entwurf voraus ging, ist jene: Wie kann eine Feriensiedlung ergänzend zu dem Wunsch nach einem exklusiven Landschaftsbezug auch ein atmosphärischer, auf sich selbst bezogener Ort als Gemeinschaft von Häusern und Gästen sein? Lässt sich ein solcher Ort mit privaten und öffentlichen Bereichen und deren Übergängen in Anlehnung an die komplex gegliederte Häuserlandschaft der Altstädte neu inszenieren? Ist es möglich, das poetisch organisch Ganze der alten Baukulturen zu übertragen auf unsere heutigen Anforderungen in eine neue architektonische und zugleich wirtschaftliche Form?

Entwurfskonzept

Der vorliegende Entwurf zielt darauf ab, einen Zusammenhang zwischen Ferienhäusern auszuformulieren, um einen architektonisch abwechslungsreichen und atmosphärisch verdichteten Ort zu schaffen. Neben dem Bezug zur Landschaft wurde das Beziehungsspiel der Formen, Räume und Strukturen zwischen den Häusern herausgearbeitet, um eine Hausgemeinschaft herzustellen.
Als Vorbild dienen die historischen, gewachsenen Siedlungsstrukturen, wie sie in Kleinstädten und Dörfern, so auch in den Thüringischen zu finden sind.
Die geplante Häuseransammlung ist auf der Hügelkuppe des Grundstückes platziert. Die umgebene Landschaft bleibt frei für vielfältige Blickbeziehungen von der Siedlung aus als auch auf die Siedlung.
Die Häuser sind auf unterschiedlichen Höhenniveaus positioniert, um eine Höhenstaffelung der Siedlung zu gestalten. Die nach Süden abfallende Hangsituation wird genutzt, um die am Rand befindlichen Häuser markant auskragen zu lassen.
Durch ein freies Versatzspiel, das Drehen, Zusammenrücken und Kombinieren vier sich unterscheidender Haustypen entsteht ein spannungsvolles Gesamtgebilde mit einem Geflecht aus Gassen und verwinkelten Plätzen. Die Plätze sind Aussichtsterrassen, Orte der Begegnung und gleichzeitig Rückzugsorte aufgrund des Zusammenspiels aus Kleinteiligkeit, Abgeschlossenheit und der begrenzten Anzahl an Nachbargebäuden. Die Häuser flankieren Ausblicke, Einblicke und Durchblicke.
Die vier Haustypen basieren auf zwei kompakten Standardgrundrisslösungen mit zwei verschiedenen Grundflächen, für vier und für sechs Personen. Durch Drehung eines immer gleich geneigten Satteldaches wurden vier formale Unterscheidungen abgeleitet.
Das einzelne Haus ist sehr einfach und reduziert ausformuliert. Wie ein elementarer Baustein lässt sich das Haus leicht drehen und wenden, um es in ein Zusammenspiel mit anderen zu stellen.
Die Häuser erhalten verschiedene Schalungsverkleidungen, um sie malerische Vielschichtigkeit zu erhalten. Die Verkleidungen variieren strukturell, horizontal, waagerecht, kleinteilig oder großteilig, flächig oder reliefhaft.
Die Häuser werden in vorgefertigter Holzrahmenbauweise von lokalen Firmen errichtet. Als Dachdeckung wird ein technisch neuartiges Schieferverlegesystem verwendet, das aufgrund der sehr schnellen Montage und eines verringerten Materialbedarfs im Verhältnis zu den herkömmlichen Schieferdeckungen kostengünstig ist. Schiefer ist ein traditionell vielfach eingesetzter Baustoff in Thüringen, welcher bis heute in der Gegend abgebaut wird. Als lebendiger und kleinteiliger Baustoff eignet er sich ideal in Kombination zu den verschiedenen hölzernen Außenwandenverkleidungen.
Zentral ist ein Restaurant- und Empfangshaus im Ensemble positioniert. Ein vorgelagerter freier Platz dient als Aussichtsterrasse mit Esstischen für die Feriengäste vor Ort als auch für Vorbeikommende. In dem ebenfalls zentral gelegenen Kochhaus können Gäste gemeinsam kochen und essen. Unterschiedlichste Veranstaltungen sind in dem Haus möglich. Workshops, Vorträge, Lesungen, Ausstellungen. Die zusammenstehenden Häuser des Feriendorfes können in Verbindung mit dem Veranstaltungsraum ideal für Klausurtagungen genutzt werden.